Wechseljahre und Führung: Nicht im Nebel entscheiden


Zum Welt-Menopause-Tag am 18. Oktober: Warum so viele erfahrene Frauen leise kürzertreten – und was ihnen dabei fehlt.
Die Beförderung liegt auf dem Tisch
Mehr Verantwortung. Mehr Sichtbarkeit. Genau das, worauf sie jahrelang hingearbeitet hat. Und sie denkt: Vielleicht nicht mehr.
Nicht, weil sie es nicht kann. Sondern weil sie seit Wochen schlecht schläft.
Weil ihr im Meeting plötzlich ein Wort fehlt, das früher einfach da war. Weil sie sich selbst gerade nicht ganz wiedererkennt.
Sie sagt höflich ab. Den eigentlichen Grund erzählt sie niemandem.
Kein Einzelfall
Diese Szene ist erfunden. Die Zahlen dahinter sind es nicht.
In Deutschland sind rund 11 Millionen Frauen zwischen 40 und 59 Jahren alt, also in dem Alter, in dem die Wechseljahre beginnen. Etwa 80 Prozent von ihnen sind erwerbstätig.
Eine Befragung unter weiblichen Führungskräften in Deutschland zeigt, was das konkret heißt: Gut die Hälfte der Frauen mit Beschwerden spürt sie in ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit. Rund vier von fünf haben sich deswegen trotzdem nie krankschreiben lassen.
In der Schweiz zeigt die Studie MenoSupport Suisse der Universität Bern ein ähnliches Bild: Ein Drittel der Frauen zieht berufliche Konsequenzen.
Jede fünfte reduziert ihr Pensum, andere wechseln die Stelle, nehmen eine Auszeit oder gehen früher in Pension.
Gleichzeitig bleibt es still. Fast die Hälfte der Frauen verschweigt ihre Beschwerden bei der Arbeit. Und nur rund ein Prozent hat jemals Informationen dazu vom eigenen Arbeitgeber bekommen.
Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin beziffert die Kosten für die deutsche Volkswirtschaft auf rund 9,4 Milliarden Euro im Jahr.
Reduzierte Arbeitszeit und früherer Ruhestand sind darin noch nicht einmal eingerechnet.
Erschöpfung oder Klarheit?
Die Wechseljahre sind keine Krankheit. Und Kürzertreten ist kein Scheitern. Manchmal ist es genau die richtige Entscheidung.
Das eigentliche Risiko liegt woanders.
Weitreichende Entscheidungen über Rolle, Pensum und Karriere fallen oft in einer Phase, in der Schlaf, Konzentration und Selbstbild gleichzeitig wackeln. Und sie fallen allein, im Verborgenen.
Dann ist schwer zu unterscheiden: Will ich das wirklich nicht mehr? Oder bin ich gerade einfach müde?
Beides kann sich von innen gleich anhören. „Ich will nicht mehr“ klingt nach Klarheit. Manchmal ist es Erschöpfung, die sich als Klarheit verkleidet hat. Und manchmal ist es tatsächlich ein Satz, der schon lange darauf gewartet hat, ausgesprochen zu werden.
Die Autorinnen einer Studie unter Führungsfrauen beschreiben genau das: Erschöpfung und Entscheidungsunsicherheit können die eigene Führungsrolle schwächer wirken lassen, als sie ist.
Den Unterschied erkennt man selten im Nebel.
Was beim Sortieren hilft
Die körperliche Seite ernst nehmen. Ich bin keine Ärztin, und dieser Text ersetzt kein Gespräch in der gynäkologischen oder hausärztlichen Praxis. Wer schlecht schläft und sich kaum konzentrieren kann, verdient zuerst eine gute medizinische Abklärung. Das ist keine Schwäche, das ist Sorgfalt.
Zustand und Richtung trennen. Was davon ist gerade ein Zustand, der vorübergeht? Und was ist eine Richtung, die sich schon länger zeigt? Eine Entscheidung, die nur aus dem Zustand kommt, ist selten eine gute.
Nicht allein sortieren. Viele Frauen erzählen, wie sehr ein einziges offenes Gespräch entlastet hat. Mit einer Freundin, einer Kollegin, einem Gegenüber, das nicht bewertet.
Hinschauen, was bleibt. Erfahrung, Urteilskraft, ein klarerer Blick dafür, was man nicht mehr will. Das ist keine Schwächung. Das ist Substanz, die gerade neu sortiert werden will.
Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe das nicht von außen. Ich beschäftige mich seit gut anderthalb Jahren selbst mit dem Thema.
Neulich im Yoga sagte eine Frau aus der Gruppe ganz offen: Ihr geht es gerade nicht gut. Wechseljahre. Mir fällt auf, wie selten wir Frauen so offen darüber sprechen. Hitzewallungen und schlechter Schlaf sind bekannt. Über die psychischen Wechselbäder spricht kaum jemand: Gereiztheit, Zweifel, Tage, an denen man sich selbst nicht ganz wiedererkennt.
Inzwischen spreche ich das Thema offen an, mit Freundinnen und Freunden. Das entlastet enorm. Genau das hat mir auch die Frau aus dem Yoga bestätigt.
Und darum geht es mir auch beruflich. Ich begleite Menschen in Übergängen: bei einer Reorganisation, einem Jobverlust oder dem leisen Wunsch, etwas anders zu machen. Für mich gehören die Wechseljahre genau dazu. Was im Job dabei oft fehlt, ist ein Ort, an dem man es aussprechen darf, ohne dass es gleich etwas über die eigene Leistungsfähigkeit sagt.
Und die Unternehmen?
Homeoffice und flexible Arbeitszeiten helfen. Aber sie lösen nicht die eigentliche Frage. Wenn erfahrene Frauen leise kürzertreten, verliert ein Unternehmen genau die Menschen, die es in unruhigen Zeiten am dringendsten braucht.
Was fehlt, ist oft kein weiteres Programm. Es ist ein Raum, in dem Fragen nach Rolle und Richtung sortiert werden können, bevor eine Kündigung oder eine Absage auf dem Tisch liegt. Vertraulich und ohne dass es in der Personalakte landet.
Bevor eine Tür zugeht
Die Wechseljahre machen aus einer erfahrenen Führungskraft keine schwächere. Aber sie stellen Fragen. Diese Fragen verdienen Raum, bevor eine Tür zugeht, die man vielleicht gar nicht schließen wollte.
Welche Entscheidung triffst du gerade – und aus welchem Zustand heraus?
Zum Weiterdenken
Welche Entscheidung steht bei dir gerade im Raum?
Würdest du sie genauso treffen, wenn du drei Wochen gut geschlafen hättest?
Was davon ist ein Zustand, der vorübergeht, und was eine Richtung, die sich schon länger zeigt?
Mit wem könntest du darüber sprechen, bevor du entscheidest?
Wenn du gerade an so einer Stelle stehst
Dann lass uns sortieren, bevor du entscheidest. Im Klarheits-Check schauen wir in 15 Minuten gemeinsam auf deine Situation. Vertraulich, ohne Verkaufsgespräch, und dein Anliegen muss nicht fertig formuliert sein.
Häufige Fragen
Können die Wechseljahre die Arbeitsleistung beeinflussen?
Bei vielen Frauen ja, aber nicht bei allen. In der Befragung „Women in Change“ gab gut die Hälfte der Führungsfrauen mit Beschwerden an, dass ihre berufliche Leistungsfähigkeit darunter leidet, vor allem durch Konzentrationsprobleme und Erschöpfung. Gleichzeitig sehen rund 61 Prozent keine spürbaren Auswirkungen auf ihre berufliche Situation.
Sollte ich in den Wechseljahren mein Pensum reduzieren?
Das kann genau die richtige Entscheidung sein. Hilfreich ist, zuerst die körperliche Seite ärztlich abklären zu lassen und dann in Ruhe zu sortieren: Was davon ist ein vorübergehender Zustand, was eine Richtung? Eine Entscheidung, die nur Druck beenden soll, ist selten eine gute.
Wie spreche ich das Thema bei meiner Führungskraft an?
Du musst keine Details über deine Beschwerden erzählen. Oft reicht es, zu beschreiben, was dir gerade hilft, zum Beispiel flexiblere Zeiten oder ein Tag im Homeoffice. Wie offen du sein willst, entscheidest du.
Ersetzt ein Coaching die ärztliche Begleitung?
Nein. Für die körperlichen Beschwerden sind Ärztinnen und Ärzte die richtigen Ansprechpersonen. Ich begleite die Fragen, die daneben entstehen: zu Rolle, Richtung und Entscheidungen im Beruf.
Fachliche Bezüge und Quellen
Eble, Susanne; Mehlig, L.; Kurscheid, C. (2025): Women in Change – Wechseljahre am Arbeitsplatz. ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 60: 478–482. Anonyme Online-Befragung von 821 Personen in Führungspositionen, davon 567 Frauen mit Wechseljahresbeschwerden; explorativ, nicht repräsentativ. Quelle für 51,9 % (Leistungsfähigkeit beeinträchtigt), 81,5 % (nie krankgeschrieben) und 61 % (keine spürbaren Auswirkungen).
Universität Bern (2025): Menstruation und Menopause: am Arbeitsplatz tabu. Studie MenoSupport Suisse, erste schweizweite Befragung, 2.259 berufstätige Frauen zwischen 30 und 67 Jahren, April bis Juli 2025. Quelle für die beruflichen Konsequenzen in der Schweiz.
Blick (2025): Schweizer Studie: Wechseljahre am Arbeitsplatz Tabuthema. Bericht über MenoSupport Suisse; Quelle für 47 % (verschweigen Beschwerden bei der Arbeit).
BARMER (2025): Menopause@work – Leitfaden für Unternehmen. Quelle für rund 11 Millionen Frauen zwischen 40 und 59 Jahren, davon rund 80 % erwerbstätig (nach Statistischem Bundesamt).
Haufe: Frauengesundheit am Arbeitsplatz – Strategien für Arbeitgeber. Quelle für rund 1 % der Frauen, die je Informationen vom Arbeitgeber erhalten haben.
zm-online: Das kosten die Wechseljahre die deutsche Wirtschaft. Berechnung der HWR Berlin: rund 9,4 Mrd. Euro pro Jahr, ohne reduzierte Arbeitszeit, früheren Ruhestand und Behandlungskosten.
