Vom Sucher zum Sehenden
- Anja Betzler
- 22. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Was Führungskräfte von Parzival lernen können
Wir alle suchen. Nach Sinn. Nach Orientierung. Nach Anerkennung.
Manchmal auch nach einem Ziel, das so groß erscheint, dass wir gar nicht merken, wie wir uns selbst darin verlieren.
Ich musste an die Legende von Parzival denken, die im Seminar mit Gunther Schmidt über Hypnosystemik und Spiritualität zur Sprache kam.
Ein junger Ritter, der den heiligen Gral sucht – das Symbol für Vollkommenheit und Erlösung – und der doch erst dann fündig wird, als er scheitert, irrt, zweifelt und wieder fühlen lernt.
Parzival wollte alles richtig machen. Er wollte beweisen, dass er würdig ist.
Aber in seiner ersten Begegnung mit dem verwundeten Gralskönig Anfortas schweigt er. Er sieht das Leid – doch er fragt nicht: „Was fehlt dir?“
Erst viele Jahre später, als er den Mut findet, mitzufühlen, stellt er diese Frage – und genau dadurch geschieht Heilung.
Wie oft geht es uns in der heutigen Arbeitswelt ähnlich? Wir streben nach Leistung, Klarheit, Kontrolle – doch übersehen, dass wahre Führung nicht aus Wissen,
sondern aus Mitgefühl entsteht.
Parzivals Geschichte ist deshalb kein Märchen über Rittertum, sondern eine Metapher für moderne Führung: Führung, die nicht alles wissen muss, sondern bereit ist, berührt zu werden.
Der „reine Tor“ – oder: Unschuld als Anfang
Parzival steht am Beginn seiner Reise für Unwissenheit, aber auch für Reinheit.
Er begegnet der Welt ohne Zynismus. Diese Offenheit erinnert an den sogenannten Beginner’s Mind in der Achtsamkeitspraxis: die Fähigkeit, Dinge mit frischem Blick zu sehen. In Führungsstrukturen, die von Erfahrung und Expertise geprägt sind, ist genau diese Haltung selten – und doch so wertvoll.
„Wir können nur lernen, wenn wir bereit sind, nicht alles zu wissen.“
Scheitern als Wendepunkt
Parzivals größtes „Versagen“ – die fehlende Frage – ist eigentlich der Beginn seiner Reifung. Auch Führungskräfte erleben heute Momente, in denen alte Muster nicht mehr greifen: Restrukturierungen, Krisen, Wertewandel, Sinnverlust. Viele versuchen dann, durch Kontrolle Sicherheit zu erzeugen. Doch wahre Stabilität entsteht erst, wenn wir Loslassen lernen.
Amy Edmondson (Harvard Business School) beschreibt in ihren Studien zur psychologischen Sicherheit, dass Teams am besten funktionieren, wenn Fehler erlaubt sind – wenn nicht Kontrolle, sondern Vertrauen die Basis bildet. Führung bedeutet nicht Fehlervermeidung, sondern Rahmen für Lernen zu schaffen.
Mitgefühl als Führungsqualität
Parzival heilt Anfortas nicht durch Wissen, sondern durch eine einfache, mitfühlende Frage. Diese Haltung findet sich in der modernen Systemtheorie wieder – bei Hartmut Rosa als Resonanzfähigkeit, bei Gunther Schmidt als wohlwollende Selbstwirksamkeit: Die Fähigkeit, in Beziehung zu gehen, ohne sich zu verlieren.
„Führung ist Beziehungskompetenz unter Unsicherheit.“
Die spirituelle Dimension – Verbundenheit mit der eigenen Endlichkeit
Im Seminar von Gunther Schmidt klang ein weiterer Gedanke an: Spirituelle Reife bedeutet, die eigene Endlichkeit anzuerkennen. Wir können nicht alles kontrollieren –
aber wir können wählen, wie wir damit umgehen. Das schafft Tiefe. Und in dieser Tiefe liegt Kraft.
Führung als Berührung
Parzival fand den Gral nicht durch Sieg, sondern durch Mitgefühl. Er lernte, dass wahre Größe darin liegt, dem anderen wirklich zu begegnen – ohne Maske, ohne Rüstung. Für moderne Führungskräfte bedeutet das: Nicht alles verstehen zu müssen. Nicht jede Antwort parat zu haben. Sondern fragen zu dürfen.
„Was fehlt dir?
„Was brauchen wir, um wieder verbunden zu sein?“
Diese Fragen öffnen Räume – für Vertrauen, für Resonanz, für Heilung im System.
Vielleicht ist das heute der Gral, den wir suchen: Nicht ein Objekt, sondern eine Haltung. Eine Haltung der Verbundenheit, in der Menschlichkeit und Wirksamkeit kein Widerspruch sind.
In meinem Leadership-Tarot steht Karte XII „Die Verbundenheit“ für genau diese Qualität: Innen, Außen, Resonanz. Sie erinnert daran, dass Führen immer zuerst ein Akt der Beziehung ist – zu sich selbst, zu anderen, zur Welt.

Quellen und weiterführende Literaturverweise:
Wolfram von Eschenbach (1200): Parzival
Amy C. Edmondson (2018): Die angstfreie Organisation
Hartmut Rosa (2016): Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung
Gunther Schmidt (2025): Seminar "Hypnosystemik und Spiritualität"
Viktor E. Frankl (1946): "Trotzdem Ja zum Leben sagen"



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