Zwischen Kontrolle und Vertrauen – Wie Führung wieder Mensch sein darf
- Anja Betzler
- 19. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Okt. 2025

Ich habe vor Kurzem eine Geschichte gehört, die mich tief berührt hat.
Der Sohn einer Freundin wechselte die Schule. Er ist hochbegabt – aber nicht im klassischen Sinn. Er denkt anders, lernt anders, fühlt anders. In seiner alten Schule galt das als „Problem“. Er passte nicht in die Struktur, die für alle gleich sein sollte. Erst an seiner neuen Schule, wo ihm Vertrauen geschenkt wurde, begann er aufzublühen.
Dieses Vertrauen wirkte wie Dünger – plötzlich wuchs etwas, das längst da war, aber keinen Raum bekommen hatte.
Genau das passiert auch in Organisationen.
Wir alle kennen Strukturen, die Menschen dazu bringen, sich anzupassen, um zu „funktionieren“.
Dabei sind es gerade die Unterschiede, die Innovation, Energie und Wachstum ermöglichen.
Viele Führungskräfte glauben, Kontrolle sei notwendig, um Stabilität zu sichern.
Doch in Wahrheit entsteht Stabilität dort, wo Vertrauen wachsen darf – in Menschen, in Teams, in Organisationen.
In einer Arbeitswelt, die durch Agilität, Geschwindigkeit und permanente Veränderung geprägt ist, verschiebt sich die Führungsaufgabe:
Vom Steuern hin zum Ermöglichen.
Vom Kontrollieren hin zum Vertrauen.
Agile Methoden – mit ihren Sprints, Retrospektiven und Feedbackschleifen – sind im Kern nichts anderes als eine rhythmische Balance aus Reflexion, gemeinsamer Verantwortung und Anpassung.
Das funktioniert nur, wenn Vertrauen die Basis ist.
„Vertrauen ist kein Gefühl. Es ist eine Entscheidung.“ (Amy Edmondson)
Vertrauen ist das neue Steuerungsprinzip
1. Kontrolle – die Illusion von Sicherheit
Kontrolle gibt uns das Gefühl, Dinge im Griff zu haben.
Sie vermittelt Klarheit, Planbarkeit, Berechenbarkeit – besonders in unsicheren Zeiten.
Doch Kontrolle ist trügerisch: Sie schafft kurzfristige Ordnung, aber langfristig lähmt sie Kreativität, Eigenverantwortung und Motivation.
Laut dem Gallup Engagement Index 2023 sinkt die emotionale Bindung der Mitarbeitenden deutlich, wenn sie das Gefühl haben, nicht selbst gestalten zu dürfen.
Mikromanagement führt nicht zu Qualität, sondern zu innerem Rückzug.
Auch Psychologie Heute (2021) schreibt:
„Menschen, die ständig kontrolliert werden, verlernen, sich selbst zu vertrauen.“
Und genau hier beginnt die Spirale:
Wer anderen nicht vertraut, stärkt unbewusst Misstrauen.
Wer Kontrolle übt, bekommt weniger Initiative zurück – und muss dadurch noch mehr kontrollieren.
2. Vertrauen als bewusste Führungsentscheidung
Vertrauen heißt nicht, alles laufen zu lassen.
Es bedeutet, Verantwortung zu teilen.
Ein gesundes Maß an Kontrolle ist wichtig – doch entscheidend ist die Haltung dahinter.
Amy Edmondson spricht in der Harvard Business Review (2023) von „psychologischer Sicherheit“ als Fundament für Vertrauen:
„Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie sprechen dürfen – ohne Angst, verurteilt zu werden.“
Diese Sicherheit entsteht nicht durch Strukturen, sondern durch Begegnung:
Transparenz: Wissen, was warum entschieden wird.
Integrität: Tun, was man sagt.
Empathie: Die andere Seite sehen, bevor man urteilt.
Eine Deloitte-Studie (2024) zeigte, dass in Unternehmen mit hoher Transparenz 86 % der Mitarbeitenden auch ein starkes Vertrauen in ihre Führungskräfte haben.
Vertrauen ist also kein „Soft Skill“, sondern ein Produkt aus Klarheit, Haltung und Mut.
3. Loslassen als Führungsqualität
Loslassen ist keine Schwäche.
Es ist die Fähigkeit, auf das zu vertrauen, was man aufgebaut hat.
Es heißt: Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört – im Team, bei den Menschen, die nah an den Themen sind.
Das braucht Selbstvertrauen.
Denn wer anderen Vertrauen schenken will, muss sich selbst als sicher erleben.
Carl Rogers beschrieb das als Kongruenz – das Übereinstimmen von Denken, Fühlen und Handeln.
Nur wenn Führung authentisch ist, wird sie glaubwürdig.
In agilen Teams zeigt sich das deutlich:
Wenn Führung loslässt, übernehmen Teams Verantwortung – nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.
Fehler werden nicht als Bedrohung gesehen, sondern als Einladung zum Lernen.
So entsteht die Kultur, die Zukunft möglich macht:
Vertrauen in Bewegung.
Menschlichkeit als Führungskraft
Vielleicht beginnt die neue Führung genau dort, wo Kontrolle endet.
Wo wir aufhören, uns selbst oder andere zu perfektionieren – und stattdessen beginnen, uns zu vertrauen.
Führung darf wieder menschlich sein.
Sie darf berühren, zweifeln, wachsen.
Sie darf Raum lassen für Unfertiges – für das, was noch werden will.
Denn Vertrauen ist nichts anderes als der Mut, das Unvorhersehbare zuzulassen.
Es ist die Entscheidung, in Beziehung zu bleiben – auch wenn man nicht alles weiß.
„Vertrauen wächst, wenn wir einander zutrauen, dass wir es schaffen.“
Und vielleicht ist das die wichtigste Führungsaufgabe unserer Zeit:
Nicht alles im Griff zu haben – sondern Menschen stark zu machen.
Weiterführende Gedanken & Quellen
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