Stoische Ruhe in stürmischen Zeiten – Was wir von antiker Philosophie über moderne Führung, Resilienz und die heilende Kraft der Pause lernen können
- Anja Betzler
- 9. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt ein Sprichwort, das mich in letzter Zeit besonders berührt:
„Erst wenn der See still wird, werden die Sterne sichtbar.“
Ich musste daran denken, als eine Freundin kürzlich von ihrem Körper zur Ruhe gezwungen wurde. Wochenlang war sie im Dauerlauf – beruflich, privat, mental. Und plötzlich: Stillstand. Der Körper hatte die Reißleine gezogen.
Diese Erfahrung ist vielen vertraut – besonders Führungskräften. Wir leben in einer Welt, die kaum noch still ist:
Meetings, E-Mails, Push-Nachrichten, Geräusche, Stimmen – ein permanentes Rauschen.
Selbst in Pausen checken wir das Handy, hören Podcasts, scrollen durch Feeds.
Doch je lauter es außen wird, desto leiser hören wir uns selbst.
Die Stoiker hätten das nicht überrascht. Schon vor über 2.000 Jahren wussten sie, dass Heilung und Klarheit nur in der Stille entstehen können.
Marc Aurel schrieb:
„Geh in dich selbst. Dort ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nur gräbst.“
Und genau darum geht es – auch heute noch.
Darum, innezuhalten.
Darum, nicht alles zu kontrollieren.
Darum, inmitten des Chaos die eigene Ruhe zu finden.
Was die Stoiker wussten – und was Führungskräfte heute brauchen
Die stoische Philosophie war nie abgehoben, sondern zutiefst praktisch. Sie lehrte: Du kannst das Außen nicht kontrollieren, aber immer dein Inneres.
Diese Haltung ist heute aktueller denn je – sie ist die Wurzel moderner Resilienz.
Führung im 21. Jahrhundert bedeutet, mit Unsicherheit, Druck und ständiger Veränderung umgehen zu können. Es bedeutet, stabil im Wandel zu bleiben.
Oder, wie Seneca schrieb:
„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht – sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“
Resilienz ist genau das: die Fähigkeit, durch Selbstführung, Bewusstheit und Akzeptanz das Gleichgewicht zu bewahren – auch dann, wenn alles schwankt.
Von der Philosophie zur Führungsrealität
Aktuelle Studien belegen, was die Stoiker intuitiv verstanden:
Führungskräfte, die regelmäßig Pausen einlegen, achtsam agieren und bewusst reflektieren, zeigen signifikant höhere Stressresistenz und emotionale Stabilität (BAuA, Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Pausen, 2021).
Laut der LMU München (Mehr schaffen in weniger Zeit – durch Pausen, 2022) fördern selbst kurze Unterbrechungen die Konzentrationsfähigkeit, senken Stress und verbessern das Wohlbefinden.
Das Problem: Wir verwechseln Aktivität mit Produktivität.
Eine aktuelle SWR-Reportage bringt es auf den Punkt:
„In Deutschland werden Mitarbeitende im Schnitt alle 11 Minuten unterbrochen – und brauchen bis zu 23 Minuten, um wieder in den Fokus zu finden. SWR, 2025
Unser Gehirn kommt also kaum noch zur Ruhe.
Dabei ist genau diese Ruhe – die „Pause zwischen den Gedanken“ – der Ort, an dem Innovation, Intuition und Heilung entstehen.
Praktische Brücke: Stoische Ruhe im modernen Arbeitsalltag
Wie können Teams und Führungskräfte heute stoische Gelassenheit leben – ohne in Askese zu verfallen?
Hier einige erprobte Ansätze:
1. Silent Meetings
Statt sofort zu diskutieren, lesen alle Teilnehmenden zunächst still die Agenda und reflektieren ihre Gedanken. Erst danach wird gesprochen.
→ Das fördert Fokus, Qualität der Beiträge und Gleichberechtigung der Stimmen.
(Quelle: Slab Blog, Silent Meetings eliminieren Blockaden & Peer-Druck, 2023)
2. Micro-Breaks
Kurze bewusste Pausen von 1–2 Minuten – Atmen, Aufstehen, Blick ins Grüne.
→ Nachweislich besserer Fokus, weniger Erschöpfung, stabilere Stimmung.
(Quelle: LMU München, Mehr schaffen in weniger Zeit – durch Pausen, 2022)
3. Klangschalen-Minuten
In Workshops habe ich gute Erfahrungen gemacht, regelmäßig eine Minute Stille mit einer Klangschale einzuleiten.
Diese kurzen Pausen wirken wie ein kollektiver Reset – der Raum wird ruhiger, die Gespräche klarer.
Viele Teilnehmende berichten, dass sie danach konzentrierter und weniger erschöpft sind.
4. 40:20:40-Regel
40 % Fokusarbeit, 20 % Kommunikation, 40 % Reflexion & Erholung – ein Modell, das hilft, Energie gezielt einzusetzen.
→ Studien zeigen, dass Pausen von 20–25 % der Arbeitszeit die Leistungsfähigkeit signifikant erhöhen (Hausmann-Thürig, Praxiskonzept Minipausen, Universität Zürich, 2021).
5. Reflexion statt Reaktion
Die stoische Frage des Tages: „Was liegt heute in meiner Kontrolle?“
Eine kurze Journaling-Routine (2 Minuten morgens oder abends) stärkt Selbstführung und emotionale Stabilität.
„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir über sie haben.“ – Epiktet
Stoizismus und Resilienz – die philosophische Basis für modernes Leadership
Der Stoizismus ist heute in der modernen Führungsethik angekommen.
Im Coaching wird er zunehmend als Resilienzprinzip verstanden:
Ruhe bewahren, Emotionen bewusst wahrnehmen, Perspektiven wechseln, Haltung zeigen. (Coaching Magazin, Stoische Philosophie im Resilienz-Coaching, 2023)
Auch in der deutschen Führungspraxis findet der Ansatz Resonanz.
So beschreibt der Podcast „Kaizen to Go“ (GeeMco, 2024) stoische Führungsprozesse als Weg, um zwischen Kontrolle und Gelassenheit zu navigieren – eine Kunst, die in Zeiten permanenter Veränderung Gold wert ist.
Heilung beginnt in der Stille
Wenn wir still werden, hören wir wieder.
Nicht auf die Geräusche der Welt, sondern auf uns selbst.
In einer Welt, die laut ist, ist Stille ein rebellischer Akt.
Doch sie ist auch der Ort, an dem Führung beginnt – in dir selbst.
Der Stoizismus lehrt uns, dass wir nicht Opfer äußerer Umstände sind, sondern Gestalter unserer inneren Haltung.
Resilienz entsteht nicht durch Härte, sondern durch Bewusstheit.
Und Heilung?
Sie beginnt dort, wo wir uns erlauben, nichts zu tun.
Denn:
„Erst wenn der See still wird, werden die Sterne sichtbar.“
Weiterführend
Wenn dich dieses Thema anspricht:
In meinem Podcast spreche ich mit der TCM-Heilpraktikerin Miriam Freudenberg über genau diese Themen – über Erschöpfung, Angst, Heilung und den Mut zur Pause.
Hier geht's zur Podcastfolge: Teil 1: "Stark, aber erschöpft - Wie Heilung beginnt, wenn du bei dir ankommst" und Teil 2: "Stark, aber erschöpft - Wie Heilung beginnt, wenn du bei dir ankommst"
Fußnoten / Quellen (Auswahl)
SWR (2025): Zu viel Gelaber, zu wenig produktiv – der Meeting-Wahnsinn
BAuA (2021): Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Pausen
LMU München (2022): Mehr schaffen in weniger Zeit – durch Pausen
Hausmann-Thürig (2021): Praxiskonzept Minipausen, Universität Zürich
Coaching Magazin (2023): Stoische Philosophie im Resilienz-Coaching



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