Du warst nie zu wenig
- Anja Sophie Betzler

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 15 Stunden
Warum wir aufhören dürfen, uns zu reparieren – und beginnen sollten, uns zu erkennen
Auf der Fahrt in die Schweiz lief ein Podcast nach dem anderen.
Autobahn, Tunnel, Berge am Horizont.
In meinem letzten Gespräch erzählte Tom eine kleine Geschichte, die mich nicht mehr losließ. Er sagte, er hätte lange versucht, Hochdeutsch zu sprechen – „korrekt“, angepasst, professionell. Bis er bemerkte: Die Menschen mochten ihn gerade wegen seines Schweizerdeutschs.
Wegen dem, was ihn unterscheidet.
Wegen dem, was er verändern wollte.
Und dann hörte ich ein Lied mit den Worten:
“You’ve been magic since your birth.”
“You’re divine by design.”
Und ich fragte mich:
Was, wenn wir nicht erst „besser“ werden müssen?
Was, wenn wir es längst sind – nur nicht glauben?
Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig optimieren: Unsere Ernährung, unseren Schlaf, unser Nervensystem, unsere Wirkung. Selbst das „Loslassen“ ist zur neuen Pflicht geworden.
Doch was, wenn genau darin die größte Erschöpfung liegt?
Zwischen Selbstoptimierung und Würde
Die stille Gewalt der Leistungsgesellschaft
Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt unsere Gegenwart als „Leistungsgesellschaft“, in der wir uns selbst ausbeuten – freiwillig, motiviert, optimiert.
Nicht mehr äußere Kontrolle zwingt uns, sondern ein inneres „Ich muss“.
Gesund sein.
Authentisch sein.
Loslassen können.
Stark wirken.
Doch je stärker wir uns selbst optimieren, desto weiter entfernen wir uns oft von dem, was wir eigentlich sind.
Die Würde des Menschen – unantastbar
Artikel 1 des Grundgesetzes beginnt mit einem Satz, der radikaler ist, als wir manchmal wahrnehmen:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Nicht: Die Würde des Erfolgreichen.
Nicht: Die Würde des Angepassten.
Der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach betont immer wieder, dass Würde nicht verdient werden muss. Sie ist kein Leistungsmerkmal. Sie ist ein Zustand des Menschseins. Und doch behandeln wir uns selbst oft, als müssten wir uns erst beweisen.
Selbstkontakt statt Selbstkorrektur
Hier knüpft Gunther Schmidt mit der Hypnosystemik an. Er spricht davon, dass wir nicht „ein Ich“ sind, sondern aus unterschiedlichen Erlebnisnetzwerken bestehen.
Je nach innerem Zustand reagieren wir anders.
Authentizität entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Selbstkontakt.
Und Selbstkontakt beginnt dort, wo wir uns nicht mehr verbessern wollen – sondern wahrnehmen.
Resonanz – wenn wir wirklich verbunden sind
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seiner Resonanztheorie, dass Menschen nicht durch Kontrolle lebendig werden, sondern durch Beziehung. Resonanz entsteht dort, wo wir berührt werden – und antworten.
Vielleicht ist das auch der Kern von Wirkung: Menschen spüren nicht unsere Strategie. Sie spüren, ob wir in Resonanz mit uns selbst sind.
Sinn und Selbstannahme
Viktor Frankl schrieb: „Der Mensch ist nicht frei von Bedingungen, aber frei zur Stellungnahme gegenüber den Bedingungen.“
Sinn entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Haltung.
Und Carl Rogers ergänzte: „Das Paradoxe ist: Wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, dann kann ich mich verändern.“
Nicht durch Druck.
Sondern durch Annahme.
Und vielleicht auch Carl Jung
Jung sprach vom „Individuationsprozess“ – dem Weg, das zu werden, was man im Innersten ist. Nicht das, was erwartet wird. Nicht das, was funktioniert.
Sondern das, was authentisch ist.
Vielleicht ist das die eigentliche Komfortzone, die wir verlassen müssen: Die Zone der Erwartungen.
Wirkung beginnt nicht im Außen
Auf den Schweizer Bergen wird es still. Meine Hündin legt sich neben mich, spürt, wann ich Ruhe brauche, und zieht sich zurück, wenn es leichter wird.
Tiere wirken nicht durch Strategie.
Sie wirken durch Präsenz.
Vielleicht liegt genau darin unsere größte Lernaufgabe: Weniger wirken wollen. Mehr sein.
Wenn wir nicht mehr versuchen, jemand anderes zu werden, verändert sich unsere Wirkung von selbst.
Vielleicht beginnt echte Freiheit nicht mit „Loslassen lernen“, sondern mit einem ehrlichen Blick:
Was an mir ist längst da – und darf endlich sichtbar werden?
In meinem Wirkungsprofil 1:1 arbeite ich genau an dieser Stelle: Nicht an der Optimierung. Sondern an der Klärung.
Wie wir wirken.
Wie wir wirken wollen.
Und was uns noch daran hindert, uns leichter zu fühlen.
Denn vielleicht warst du nie zu wenig.
Vielleicht warst du nur lange angepasst.
Und vielleicht ist jetzt der Moment, dich wieder zu erkennen.
Quellen
Han, Byung-Chul (2010): Müdigkeitsgesellschaft.
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Art. 1.
von Schirach, Ferdinand (2021): Jeder Mensch und Podcast "Hotel Matze" mit Ferdinand von Schirach (Februar 2026): https://open.spotify.com/episode/0mGpiSVna1kDlpxjtp1K9V?si=4d696379c98d4f23
Schmidt, Gunther (2020): Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung.
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung.
Frankl, Viktor E. (1946): … trotzdem Ja zum Leben sagen.
Rogers, Carl (1961): On Becoming a Person.
Jung, C. G. (1951): Aion.
Song und Lyrics: Spiritual Peace and Happiness von Lenzspot



