Ich darf damit Geld verdienen


Warum das, was uns leichtfällt, nicht weniger wertvoll ist
Vor ein paar Tagen bin ich an einem Satz hängen geblieben.
Nicht an: „Ich kann etwas gut.“ Auch nicht an: „Ich darf erfolgreich sein.“
Sondern an: Ich darf damit Geld verdienen.
Der Satz hat etwas in mir ausgelöst.
Denn natürlich möchte ich Geld verdienen. Ich bin selbstständig. Ich baue mein eigenes Unternehmen auf. Ich möchte von meiner Arbeit gut leben können.
Und trotzdem merkte ich:
Ganz so selbstverständlich ist diese Gleichung für mich nicht.
Wann haben wir eigentlich etwas „verdient“?
Ich glaube, viele von uns sind mit bestimmten Vorstellungen darüber aufgewachsen, wie Arbeit zu sein hat.
Man muss leisten. Man muss sich anstrengen.
Man muss durchhalten. Man kann nicht immer nur machen, was einem Spaß macht. Von nichts kommt nichts.
An vielem davon ist nichts falsch.
Verantwortung zu übernehmen, dranzubleiben und auch Dinge zu tun, auf die man gerade keine Lust hat, gehört zum Leben.
Schwierig wird es dort, wo daraus eine innere Gleichung wird:
Je mehr ich bekommen möchte, desto mehr muss ich dafür leisten.
Und Leistung bedeutet dann nicht nur, etwas gut zu können.
Leistung bedeutet Anstrengung.
Verzicht.
Durchhalten.
Vielleicht sogar: etwas tun, das ich eigentlich gar nicht tun möchte.
Erst dann scheint die Rechnung aufzugehen.
Und was, wenn es leicht geht?
An dieser Stelle wurde es für mich interessant.
Was ist eigentlich, wenn ich etwas tue, das mir liegt?
Wenn ich Menschen schnell erfasse. Wenn ich Ruhe in komplexe Situationen bringe. Wenn ich Struktur schaffen kann, wo vorher vieles durcheinander war.
Wenn Menschen sich mit mir wohlfühlen, mir vertrauen und dadurch Gespräche möglich werden, die vorher schwierig waren.
Was, wenn ich darin gut bin – und es sich für mich trotzdem nicht besonders schwer anfühlt?
Darf das wertvoll sein?
Darf ich damit erfolgreich sein?
Darf ich damit sogar richtig gutes Geld verdienen?
Mein Verstand sagt: Natürlich.
Und trotzdem merke ich, dass irgendwo in mir noch eine andere Rechnung existiert.
Wenn es leicht ist, war es dann genug?
Wenn es mir Freude macht, habe ich das Geld dann wirklich verdient?
Wenn das, was ich tue, für mich selbstverständlich ist – darf ich mich damit überhaupt Expertin nennen?
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich gemerkt: Das ist eigentlich gar keine Frage über Geld.
Es ist eine Frage darüber, was ich für wertvoll halte.
Und warum.
Alte Stimmen verschwinden nicht, nur weil wir es heute besser wissen
Vielleicht beschäftigt mich genau deshalb seit einiger Zeit so sehr, was innere Haltung eigentlich bedeutet.
Nicht als schöner Satz, den man sich morgens vorsagt.
Sondern als etwas, das über viele Jahre entstanden ist.
Durch Erfahrungen.
Durch Familie.
Durch Schule.
Durch Arbeit.
Durch das, was anerkannt wurde.
Durch das, wofür es Kritik gab.
Und durch die Regeln, mit denen wir irgendwann gelernt haben, in unserem Umfeld gut zurechtzukommen.
In der hypnosystemischen Arbeit von Gunther Schmidt begegnet mir immer wieder der Gedanke, dass unser Erleben nicht einfach durch eine objektive Wirklichkeit entsteht.
Es macht einen Unterschied, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, welche Bedeutungen wir einer Situation geben und aus welchem inneren Zustand heraus wir sie betrachten.
Das ist ein Gedanke, der meine eigene Arbeit inzwischen sehr prägt.
Denn natürlich kann ich heute sagen:
Ich darf mit etwas Geld verdienen, das mir leichtfällt.
Und gleichzeitig kann da eine andere Stimme sein.
So einfach ist das nicht.
Du musst schon etwas dafür tun.
Streng dich an.
Mach dich nicht wichtiger, als du bist.
Andere arbeiten schließlich auch hart für ihr Geld.
Früher hätte ich vielleicht gedacht, diese Stimme müsste weg.
Heute sehe ich das anders.
Denn wahrscheinlich hatte sie einmal eine ziemlich gute Funktion.
Vielleicht wollte sie dafür sorgen, dass ich verantwortlich bin.
Dass ich nicht abhebe.
Dass ich meine Arbeit ordentlich mache.
Dass ich mich anstrenge.
Dass ich meinen Teil beitrage.
Warum sollte ich diesen Teil von mir also bekämpfen?
Die interessantere Frage ist für mich:
Muss diese Stimme heute noch diejenige sein, die entscheidet?
Wer sitzt eigentlich in meinem inneren Team?
Beim Nachdenken darüber musste ich auch an Friedemann Schulz von Thun und sein Modell des Inneren Teams denken.
Ich mag daran, dass unterschiedliche innere Stimmen nicht automatisch zum Problem erklärt werden.
Vielleicht sitzt in meinem inneren Team eine sehr pflichtbewusste Mitarbeiterin.
Eine, die gelernt hat: Leistung ist wichtig. Verlässlichkeit ist wichtig. Mach deine Arbeit ordentlich.Nimm dich nicht zu wichtig. Und bevor du etwas verlangst, zeig erst einmal, dass du es verdient hast.
Ganz ehrlich:
Diese Mitarbeiterin hat in meinem Leben ziemlich gute Arbeit geleistet.
Ich möchte sie gar nicht entlassen.
Aber vielleicht muss sie nicht länger die Geschäftsführung übernehmen.
Sie darf mich weiterhin an Verantwortung, Qualität und Verlässlichkeit erinnern.
Darüber, was meine Arbeit wert ist, dürfen inzwischen aber auch andere mitreden.
Meine Erfahrung.
Meine Fähigkeiten.
Meine Freude an dem, was ich tue.
Die Rückmeldungen von Menschen, mit denen ich arbeite.
Und die Wirkung, die entsteht.
Vielleicht bedeutet innere Entwicklung deshalb gar nicht, alte Stimmen endlich loszuwerden.
Vielleicht bedeutet sie manchmal nur, die Sitzordnung zu verändern.
Eine neue Haltung lässt sich nicht verordnen
Auch beim Zürcher Ressourcenmodell von Maja Storch begegnet mir dieser Gedanke auf eine andere Weise.
Eine vernünftige Entscheidung allein reicht nicht immer.
Ich kann einen Satz formulieren, der logisch vollkommen richtig ist – und trotzdem merken, dass innerlich noch nichts mitgeht.
„Ich kenne meinen Wert.“
„Ich darf erfolgreich sein.“
„Ich muss mich nicht rechtfertigen.“
Alles richtige Sätze.
Aber wenn sie sich innerlich fremd anfühlen, werden sie dadurch noch nicht automatisch zu meiner Haltung.
Genau deshalb finde ich die ressourcenorientierte Arbeit so spannend.
Sie fragt nicht nur danach, was vernünftig wäre.
Sie nimmt ernst, ob eine Richtung auch emotional anschlussfähig wird.
Bei mir ist es gerade dieser Satz:
Ich darf damit Geld verdienen.
Er fühlt sich noch nicht vollkommen selbstverständlich an.
Aber er löst auch keinen Widerstand aus, der sagt: Das bist nicht du.
Er macht eher etwas auf.
Und vielleicht reicht das erst einmal.
Was uns leichtfällt, sehen wir manchmal selbst am wenigsten
Dabei ist mir noch etwas aufgefallen.
Wir bewerten unsere Fähigkeiten häufig danach, wie viel Anstrengung sie uns kosten.
Dabei kann gerade das, was uns heute leichtfällt, das Ergebnis von vielen Jahren Erfahrung sein.
Eine Situation schnell erfassen.
Zwischentöne wahrnehmen.
Ruhe bewahren, wenn andere unruhig werden.
Komplexität sortieren.
Ein Gespräch so führen, dass plötzlich etwas ausgesprochen werden kann.
Die Frage stellen, die einen Gedanken in Bewegung bringt.
Wer etwas lange und gut kann, erlebt es irgendwann nicht mehr als besondere Leistung.
Es ist einfach da.
Und vielleicht übersehen wir deshalb manchmal ausgerechnet das, was unsere Wirkung ausmacht.
Ich erlebe das auch in meiner Arbeit mit Menschen, die viel Erfahrung mitbringen.
Sie können sehr genau benennen, was ihnen noch fehlt.
Was sie noch lernen könnten.
Wo sie noch besser werden müssten.
Viel schwieriger ist manchmal die Frage:
Was kannst du längst so gut, dass du selbst gar nicht mehr bemerkst, dass es eine besondere Fähigkeit ist?
Genau das beschäftigt mich auch beim Wirkungsprofil.
Es geht nicht darum, einen Menschen interessanter zu machen.
Oder aus ihm eine bessere Version zu bauen.
Es geht darum, genauer hinzusehen.
Welche Erfahrung ist längst da?
Welche Haltung?
Welche Fähigkeiten?
Was nehmen andere an diesem Menschen wahr, das für ihn selbst vollkommen selbstverständlich geworden ist?
Und welche Wirkung entsteht daraus?
Das Wirkungsprofil macht nicht mehr daraus.
Es macht sichtbarer, was bereits da ist.
Vielleicht gilt das auch für den Wert unserer Arbeit.
Nicht alles, was leichtgeht, ist deshalb leicht zu können.
Vielleicht ist das gar nicht nur meine persönliche Rechnung
Je länger ich mich damit beschäftige, desto weniger glaube ich, dass diese Gedanken nur etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun haben.
Hartmut Rosas Gedanken über Resonanz beschäftigen mich schon länger.
Auch deshalb, weil sie eine andere Perspektive auf die Frage eröffnen, was ein gelungenes Leben eigentlich ausmacht.
Wir leben in einer Welt, in der vieles über Steigerung gedacht wird.
Mehr leisten.
Mehr erreichen.
Mehr verdienen.
Mehr können.
Mehr sichtbar sein.
Und selbst persönliche Entwicklung kann irgendwann nach dieser Logik funktionieren:
Noch eine Ausbildung.
Noch ein Zertifikat.
Noch eine Methode.
Noch mehr Sicherheit.
Noch ein Beweis dafür, dass ich es jetzt wirklich kann.
Natürlich ist Entwicklung wichtig.
I ch lerne gern. Ich möchte fachlich gut sein. Ich möchte meine Arbeit weiterentwickeln.
Aber Lernen kann auch eine Ausweichbewegung werden.
Dann suche ich nicht mehr nach Vertiefung.
Dann suche ich nach Erlaubnis.
Nach der Erlaubnis, endlich mit dem sichtbar zu werden, was längst da ist.
Rosas Resonanzgedanke erinnert mich daran, dass ein gutes Leben nicht allein daraus entsteht, immer mehr verfügbar zu machen und immer weiter zu steigern.
Es geht auch darum, ob ich mit dem, was ich tue, noch in Verbindung stehe.
Vielleicht liegt darin für mich gerade eine wichtige Verschiebung.
Ich möchte Leistung nicht abwerten.
Ich möchte nicht weniger Verantwortung übernehmen.
Und ich möchte meine Arbeit nicht weniger ernst nehmen.
Ich möchte nur nicht mehr glauben, dass Anstrengung der Beweis für Wert sein muss.
Ich möchte gute Arbeit machen.
Etwas können.
Verantwortung übernehmen.
Etwas bewirken.
Und gleichzeitig darf sich mein Leben dabei auch nach meinem Leben anfühlen.
Vielleicht muss Arbeit nicht wehtun, um wertvoll zu sein
Auch wirtschaftlich betrachtet ist die alte Gleichung eigentlich merkwürdig.
Der Wert einer Arbeit bemisst sich schließlich nicht daran, wie schwer sie der Person gefallen ist, die sie erbracht hat.
Wenn jemand aufgrund seiner Erfahrung ein Problem in einer Stunde erkennt, für das jemand anderes drei Tage braucht, wird die Stunde dadurch nicht weniger wertvoll.
Wenn jemand ein schwieriges Gespräch ruhig führen kann, weil zwanzig Jahre Erfahrung mit am Tisch sitzen, wird diese Fähigkeit nicht kleiner, nur weil sie inzwischen selbstverständlich wirkt.
Vielleicht ist genau das ein Teil von Expertise:
Dinge, die für andere schwierig sind, aufgrund von Erfahrung, Fähigkeiten und Haltung gut führen zu können.
Und vielleicht darf genau das auch leicht sein.
Ich muss diese alte Gleichung nicht mehr erfüllen
Dieser Satz fühlt sich für mich inzwischen anders an als am Anfang:
Ich darf damit Geld verdienen.
Nicht, weil ich mir einrede, dass ich besonders bin.
Nicht, weil Leistung keine Rolle mehr spielt.
Und auch nicht, weil ich glaube, dass Selbstständigkeit immer leicht sein sollte.
Sondern weil ich langsam anerkenne, dass Wert und Anstrengung nicht dasselbe sind.
Ich muss nicht außergewöhnlich sein, um wertvoll zu arbeiten.
Ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, wenn mir etwas gelingt, das mir Freude macht.
Ich muss nicht noch mehr werden, damit das, was bereits da ist, zählen darf.
Und die alte Stimme?
Die darf bleiben.
Sie darf mich daran erinnern, sorgfältig zu arbeiten.
Verantwortung zu übernehmen.
Mich weiterzuentwickeln.
Und meine Arbeit ernst zu nehmen.
Sie bekommt nur einen anderen Platz.
Denn heute dürfen auch andere Stimmen mitentscheiden.
Die Erfahrung.
Die Freude.
Die Wirkung.
Und vielleicht sogar diejenige, die sagt:
Es darf auch gut sein.
Ich darf erfolgreich sein, ohne ständig Außergewöhnliches leisten zu müssen.
Ich darf Geld verdienen, ohne dass es mir schwerfallen muss.
Ich darf ein Leben führen, das ich mir wünsche, ohne mich dafür schlecht zu fühlen.
Vielleicht ist das noch keine neue Überzeugung, die jeden Tag vollkommen selbstverständlich sitzt.
Vielleicht ist es erst eine Entscheidung.
Aber vielleicht beginnen Übergänge genau dort:
Wenn die alte Gleichung noch in uns wirkt – und wir trotzdem anfangen, nach einer neuen zu leben.
Zum Weiterdenken
Was fällt dir so leicht, dass du selbst kaum noch bemerkst, welche Erfahrung darin steckt?
Welche innere Stimme meldet sich, wenn du an Erfolg, Geld oder ein gutes Leben denkst?
Wovor wollte sie dich vielleicht einmal schützen?
Muss sie heute noch diejenige sein, die entscheidet?
Und was würde sich verändern, wenn das, was dir leichtfällt, nicht weniger, sondern vielleicht gerade deshalb wertvoll sein darf?
Fachliche Bezüge
Die Gedanken in diesem Beitrag sind nicht als einzelne Methoden zu verstehen, die ich nacheinander anwende. Sie gehören zu fachlichen Ansätzen, die meine Haltung und meine Arbeit über die Zeit geprägt haben.
Gunther Schmidt und die hypnosystemische Arbeit – insbesondere der Blick darauf, wie Aufmerksamkeit, Bedeutungsgebung, innere Zustände und vorhandene Ressourcen unser Erleben und unsere Handlungsmöglichkeiten beeinflussen.
Friedemann Schulz von Thun und das Innere Team – für einen Umgang mit unterschiedlichen inneren Stimmen, bei dem Ambivalenz nicht beseitigt werden muss, sondern verstanden und neu geordnet werden kann.
Maja Storch und das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®) – für eine ressourcenorientierte Perspektive auf Selbststeuerung und die Frage, wie Ziele und Haltungen nicht nur rational sinnvoll, sondern auch emotional anschlussfähig und handlungswirksam werden.
Hartmut Rosa und die Resonanztheorie – für die Frage, wie ein gutes Leben jenseits reiner Steigerungs- und Verfügbarkeitslogik gedacht werden kann und was es bedeutet, mit dem eigenen Tun in Beziehung zu stehen.
Literatur und weiterführende Quellen
Gunther Schmidt: Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer.
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt.
Maja Storch / Frank Krause / Julia Weber: Selbstmanagement – ressourcenorientiert. Theoretische Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell ZRM®. Hogrefe.
Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.

