Zwischen Knauf und Klinke
- Anja Sophie Betzler

- vor 23 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 13 Stunden

Was ich über Vertrauen zwischen Deutschland und der Schweiz gelernt habe
Als ich begann, beruflich in der Schweiz zu arbeiten, fiel mir etwas auf, das man in keinem Managementseminar lernt.
Ein kleines Detail – eine Tür. In Deutschland haben viele Haustüren außen einen Knauf. Man kann sie nicht einfach öffnen.
In der Schweiz dagegen findet man häufig eine Türklinke auch auf der Außenseite.
Ein scheinbar banaler Unterschied.
Und doch hatte ich irgendwann das Gefühl, dass er etwas über eine tiefere Haltung aussagt: Über Vertrauen. Vielleicht ist es nur eine Beobachtung. Aber sie brachte mich zum Nachdenken.
Denn in den ersten Monaten meiner Arbeit in der Schweiz begegnete mir immer wieder eine andere Atmosphäre im Alltag.
Gespräche begannen langsamer.
Man sagte zuerst „Guten Morgen“, stellte sich vor, und erst danach kam das Anliegen.
Im Büro gab es Znüni-Pausen, bei denen man gemeinsam einen Kaffee oder ein Gipfeli teilte.
Mittagspausen waren tatsächlich Pausen – oft eine ganze Stunde. Und am Freitag traf man sich manchmal noch zu einem Apéro, bevor alle ins Wochenende gingen.
Diese Rituale wirken unscheinbar.
Doch sie schaffen etwas, das im Arbeitsalltag häufig unterschätzt wird: Beziehung.
Und Beziehung ist die Grundlage von Vertrauen.
Vertrauen als gesellschaftliche Ressource
Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann beschreibt Vertrauen als einen Mechanismus, der hilft, die Komplexität unserer Welt zu reduzieren.
„Vertrauen ist ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität.“ (Luhmann, Vertrauen – Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, 1968)
Wenn wir anderen Menschen grundsätzlich misstrauen, müssen wir alles kontrollieren.
Wenn wir ihnen jedoch Vertrauen entgegenbringen, können Zusammenarbeit und Kommunikation leichter entstehen.
Interessant ist, dass gesellschaftliches Vertrauen in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt ist.
Studien zum sogenannten „Social Trust“ zeigen, dass Länder wie die Schweiz oder die nordischen Staaten oft ein höheres Grundvertrauen zwischen Menschen aufweisen als viele andere europäische Gesellschaften.
Forschungen der Universität Zürich und des European Social Survey zeigen beispielsweise, dass Schweizer Bürger im Durchschnitt ein relativ hohes Vertrauen in Mitmenschen und Institutionen haben¹.
Das bedeutet nicht, dass eine Gesellschaft besser oder schlechter ist –
aber es beeinflusst, wie Menschen miteinander umgehen.
Kleine Rituale, große Wirkung
In Organisationen zeigt sich Vertrauen selten in großen Worten.
Es zeigt sich in kleinen Gesten.
Zum Beispiel:
wie Gespräche beginnen
wie Pausen gestaltet werden
wie Menschen miteinander sprechen
wie selbstverständlich Zeit für Austausch genommen wird
Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seiner Resonanztheorie, dass menschliche Beziehungen besonders dort entstehen, wo Begegnungen nicht nur funktional, sondern resonant sind².
Resonanz bedeutet: Menschen fühlen sich gesehen, gehört und ernst genommen.
Rituale wie gemeinsame Pausen oder ein kurzer Austausch vor dem eigentlichen Anliegen schaffen genau solche Momente.
Sie sind keine Zeitverschwendung.
Sie sind Beziehungsarbeit.
Zwischen Effizienz und Beziehung
Deutschland gilt kulturell als eine eher sachorientierte und direkte Kommunikationskultur. In der interkulturellen Forschung wird dies häufig als stärker task-orientiert beschrieben.
Die Schweiz dagegen kombiniert häufig Sachorientierung mit einer stärkeren Beziehungsorientierung im Alltag.
Das zeigt sich beispielsweise in Kommunikationsstudien der Universität St. Gallen, die darauf hinweisen, dass Schweizer Arbeitskulturen häufig stärker auf Konsens, Dialog und gegenseitigen Respekt ausgerichtet sind³.
Diese Unterschiede sind nicht besser oder schlechter.
Sie zeigen nur, dass Kultur beeinflusst, wie Vertrauen entsteht.
Führung beginnt im Alltag
Für Führungskräfte ist diese Erkenntnis besonders interessant.
Denn Vertrauen entsteht selten durch große Strategien oder Leitbilder.
Es entsteht im Alltag:
im Gespräch
im Zuhören
im Umgang mit Fehlern
im gemeinsam in Moment zwischendurch
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich die kleine Beobachtung mit der Tür so beschäftigt hat.
Der Knauf steht symbolisch für eine Welt, in der Zugang erst verdient werden muss.
Die Klinke dagegen signalisiert zunächst einmal Offenheit.
Natürlich braucht jede Organisation auch Regeln und Sicherheit.
Doch die Frage bleibt: Beginnen wir Beziehungen mit Misstrauen – oder mit Vertrauen?
Schlussgedanke
In einer Zeit, in der Arbeitswelten immer komplexer und schneller werden, könnte Vertrauen zu einer der wichtigsten Ressourcen von Organisationen werden.
Nicht als naiver Idealismus. Sondern als bewusste Entscheidung.
Denn Vertrauen erleichtert Zusammenarbeit, stärkt Beziehungen und reduziert Komplexität – genau so, wie Niklas Luhmann es beschrieben hat.
Vielleicht beginnt gute Führung deshalb manchmal in ganz kleinen Dingen.
In einem Guten Morgen.
In einer gemeinsamen Pause.
Oder in einer Tür mit einer Klinke statt einem Knauf.
Quellen:
European Social Survey / Universität Zürich (2022): Social Trust in Europe
Hartmut Rosa (2016): Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp
Universität St. Gallen (2019): Studien zur Schweizer Arbeits- und Führungskultur
Niklas Luhmann (1968): Vertrauen – Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität

