Führung unter Druck: Willkommen im Konfliktzeitalter

Warum das Warten auf das alte Normal so viel Kraft kostet – und wie kleine Schritte wieder Bewegung bringen.

Ein Gedanke aus dem Podcast Hotel Matze geht mir seit Wochen nicht aus dem Kopf. Der Verhandlungsexperte Matthias Schranner beschreibt darin sinngemäß einen Wandel: Weg vom Kompromisszeitalter, hin zu einem Konfliktzeitalter.
Die Weltlage gibt diesem Gedanken einen harten Hintergrund. 2025 zählte das Uppsala Conflict Data Program weltweit 65 bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung, so viele wie seit Beginn der Erfassung 1946 nicht. Das beweist noch kein neues Zeitalter. Aber es passt zu dem, was viele gerade spüren.
Schranners Gedanke benennt etwas, das viele kennen, aber selten aussprechen. Lange waren wir es gewohnt, dass sich ein Mittelweg findet und es irgendwie weitergeht. Heute heißt es Transformation, Stellenabbau, KI, wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheit. Konflikte lassen sich seltener wegmoderieren. Sie werden öfter offen ausgetragen.
Und wir? Wir funktionieren. Und hoffen, dass es bald wieder „normal“ wird.
Ich kenne das von mir selbst. Ich war lange unter Spannung und habe es kaum gemerkt, weil ich ja funktioniert habe. Gemerkt habe ich es erst in den ruhigen Momenten. Am Wochenende wollte ich plötzlich gar nichts mehr: keine Freunde treffen, keinen Sport, nichts von dem, was mir gutgetan hätte. Nur schlafen. Oder Serienmarathon.
Heute weiß ich: Das war keine Faulheit. Das war die Rechnung für die Woche.
Damit bin ich nicht allein. In der Studie „Arbeiten 2025“ der pronova BKK gibt fast jeder Dritte an, schon einmal erlebt zu haben, was dort „Quiet Cracking“ heißt: Innerlich dauerhaft belastet sein und nach außen weiter engagiert wirken. Weiter zu funktionieren heißt also nicht, dass es einem gut geht.
Warum das Warten auf „normal“ so viel Kraft kostet
Solange wir das Heute mit dem Gestern vergleichen, fühlt sich jeder Tag wie eine Abweichung an. Wir halten durch, bis es vorbei ist. Nur wissen wir nicht, wann es wieder ruhiger wird. Vielleicht wird es so wie früher gar nicht mehr. Bis dahin brauchen wir einen Umgang mit dem, was jetzt ist.
Bei mir hat genau dieses Festhalten am Alten den Alarm am Laufen gehalten. Der Kopf wartete auf eine Entwarnung, die nicht kam. Und Konflikte, denen wir ausweichen, verschwinden selten. Meist werden sie nur leiser – und teurer.
Akzeptanz ist dabei keine Kapitulation. Sie heißt nicht: Ich finde das gut. Sie heißt: Ich sehe, wie es ist. Erst von diesem Punkt aus wird Bewegung möglich.
Warum gerade so viele unter Druck stehen
Was viele als Druck erleben, findet sich auch in Befragungen und Statistiken wieder. Sie messen Unterschiedliches, und nicht alles wird gleichermaßen schlechter. Aber sie zeigen, dass Belastung und Unsicherheit für viele Beschäftigte ein Thema sind.
Laut Gallup Engagement Index Deutschland 2025 fühlt sich nur jeder zehnte Beschäftigte dem eigenen Arbeitgeber emotional stark verbunden. Unter denen ohne Bindung fühlen sich 41 Prozent bei der Arbeit häufig oder immer gestresst, unter den stark Verbundenen 9 Prozent.
Auch die Sorge um den eigenen Job ist gewachsen. In einer EY-Befragung Ende 2025 hielten 16 Prozent ihren Arbeitsplatz für unsicher, ein Jahr zuvor waren es 13 Prozent. Bei den unter 35-Jährigen waren es 21 Prozent.
Dazu kommt KI. Unter Beschäftigten, die KI schon im Job nutzen, befürchten 49 Prozent, dass die Technologie sie ersetzen könnte. Über alle Befragten sind es 37 Prozent (pronova BKK). Das sind Befürchtungen, keine Prognosen.
Und es zeigt sich in den Krankschreibungen. 2025 kamen bei erwerbstätigen DAK-Versicherten auf 100 Versicherte 366 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, nach 342 im Jahr davor. Woher diese Erkrankungen kommen, zeigen die Daten allerdings nicht.
Solche Zahlen erklären nicht den einzelnen Menschen. Aber sie zeigen den Rahmen. Wie wir auf diesen Druck reagieren, ist sehr unterschiedlich.
Drei Reaktionen auf Druck
Die Stressforschung beschreibt seit über hundert Jahren, wie wir auf Bedrohung reagieren.
Der Physiologe Walter B. Cannon prägte Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff „fight or flight“: Der Körper schaltet blitzschnell auf Kampf oder Flucht. Später zeigte die Angstforschung, dass es noch eine dritte, oft erste Reaktion gibt: das Erstarren.
Kämpfen, fliehen, erstarren. Diese Muster sind alt, und sie sind klug. Sie haben uns über Jahrtausende geschützt.
Im Berufsalltag sehen sie allerdings leiser aus. Niemand rennt aus dem Meeting. Aber ein Teil von uns ist vielleicht schon halb draußen.
In meiner Arbeit begegnen mir diese Muster immer wieder in drei Zuständen. Sie sind kein psychologisches Modell, sondern eine Beobachtung aus meiner Praxis.
Festgefahren
„Ich weiß, dass sich etwas ändern muss. Und trotzdem bewege ich mich keinen Millimeter.“
Ein Teil von dir hält still. Nicht, weil dir nichts einfällt, sondern weil zu viel auf einmal da ist. Entscheidungen werden vertagt, der Kopf ist voll und gleichzeitig leer. Dieses Stillhalten ist kein Versagen. Es ist ein Schutz, der irgendwann einmal sehr sinnvoll war.
Auf dem Sprung
„Am liebsten würde ich morgen alles hinschmeißen.“
Ein Teil von dir ist schon halb draußen. Abends wandern die Gedanken zu Stellenanzeigen, im Meeting sitzt nur noch der Körper. Dieser Impuls ist ein wertvolles Signal: Etwas passt nicht mehr. Nur ist ein Signal noch keine Richtung.
Unter Spannung
„Ich kämpfe gegen die Umstrukturierung. Und manchmal gegen mich selbst.“
Ein Teil von dir kämpft. Er hält dagegen, gibt viel und lässt nicht locker, weil dir etwas wirklich wichtig ist. Von außen sieht das nach Leistung aus. Von innen kostet es Kraft, die woanders fehlt – oft merkt man es erst am Wochenende. So wie ich damals.
Und oft: ein bisschen von allem
Viele erleben nicht nur einen dieser Zustände, sondern wechseln zwischen ihnen. Montags kämpfen, mittwochs stillhalten, freitags innerlich kündigen. Auch das ist typisch für Übergänge: Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da.
Wichtig ist mir dabei eines: Keiner dieser Zustände bist du. Es sind kluge Reaktionen auf Druck. Und in jeder steckt ein Hinweis darauf, was als Nächstes helfen könnte.
Der Dreh: Konflikt bringt Klarheit
So unbequem das Konfliktzeitalter ist: Es hat eine Seite, die wir gern übersehen. Konflikte holen auf den Tisch, was lange unter den Teppich gekehrt wurde. Die Rolle, die schon länger nicht mehr passt. Der Wert, den wir zu oft übergangen haben. Die Frage, die wir uns nicht stellen wollten.
Verdrängen fühlt sich kurzfristig ruhiger an. Auf Dauer kostet es Kraft. Ein Konflikt dagegen ist Information. Er zeigt, wo etwas nicht mehr stimmt – und damit auch, was uns wichtig ist.
Das heißt nicht, die Lage schönzureden. Es heißt, sie zu nutzen. Auch in jedem der drei Zustände steckt eine Botschaft: Das Stillhalten zeigt, dass gerade zu viel ist. Der Fluchtimpuls zeigt, dass etwas nicht mehr passt. Der Kampf zeigt, wofür du einstehst.
Was jetzt hilft: Klarheit in kleinen Runden
Unter starkem Druck wird der Blick eng. Deshalb muss die große Entscheidung nicht der erste Schritt sein. Zuerst geht es darum, dass der Druck sinkt. Erst dann wird Richtung sichtbar. Ich arbeite dabei in vier Schritten, die sich wie eine Spirale wiederholen:
Ankommen. Der Druck darf raus. Du wirst gehört, so wie es gerade ist.
Sortieren. Was gehört zu dir, was zur Situation? Du findest deine eigene Sicht.
Erinnern. Du entdeckst wieder, was du in ähnlichen Situationen schon gemeistert hast.
Losgehen. Ein Anker, ein erster konkreter Schritt. Und dann eine Runde weiter.

Je nach Zustand beginnt die Spirale an einer anderen Stelle:
Festgefahren: zuerst ankommen. Den Druck rausnehmen, bevor du irgendetwas entscheidest. Dann reicht ein einziger kleiner Schritt.
Auf dem Sprung: sortieren, bevor du springst. Nicht nur: Wovon will ich weg? Sondern: Wohin will ich eigentlich?
Unter Spannung: einen Moment ankommen – und dann fragen: Wofür lohnt sich mein Einsatz wirklich?
Mittendrin: sortieren, was davon zu dir gehört und was zur Situation.
Kleine Schritte statt großer Ziele
Wenn sich ein großes Ziel gerade wie eine zusätzliche Last anfühlt, darf es warten. Mehr Druck bringt uns oft genau in den Modus zurück, aus dem wir herauswollen.
Was hilft, sind Baby-Steps. Ein Gespräch, das du schon lange führen wolltest. Eine Stunde am Wochenende, die nur dir gehört. Eine Frage, die du dir ehrlich beantwortest. Klein genug, dass sie sich leicht anfühlen – und genug, damit wieder Bewegung entsteht.
Zum Weiterdenken
Woran merkst du in ruhigen Momenten, wie es dir in der Woche wirklich ging?
Welcher Teil von dir hält gerade still, welcher will weg, welcher kämpft? Und wofür setzt er sich ein?
Was wäre ein Schritt, der klein genug ist, dass er sich leicht anfühlt?
Stell dir vor, es ist drei Monate später, und es fühlt sich ein Stück leichter an. Woran merkst du es zuerst?
Wo stehst du gerade?
Wenn du beim Lesen gedacht hast „Das kenne ich“, dann ist das schon ein erster Schritt. Genauer hinschauen kannst du mit meinem kostenfreien Selbsttest: sechs Fragen, zwei Minuten, anonym. Am Ende erfährst du, welcher Zustand bei dir gerade im Vordergrund steht – und was dir jetzt helfen kann.
Und wenn du danach darüber sprechen möchtest: Im Klarheits-Check schauen wir gemeinsam drauf. 15 Minuten, kostenfrei, ohne Verpflichtung.
Häufige Fragen
Was ist mit „Konfliktzeitalter“ gemeint?
Der Gedanke stammt sinngemäß vom Verhandlungsexperten Matthias Schranner und ist kein wissenschaftlicher Fachbegriff. Er beschreibt den Wandel von einer Zeit, in der Interessen meist über Kompromisse ausgeglichen wurden, hin zu einer Zeit, in der Konflikte offener ausgetragen werden. Einen Hintergrund liefert die Konfliktforschung: 2025 wurden weltweit 65 bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung gezählt, so viele wie seit 1946 nicht.
Woran merke ich, dass ich im Job unter Druck stehe, obwohl ich noch funktioniere?
Oft nicht im Alltag, sondern in den ruhigen Momenten. Typische Zeichen: Am Wochenende fehlt die Energie für Dinge, die dir sonst guttun. Entscheidungen werden vertagt. Gedanken kreisen abends um Gespräche oder um den Ausstieg.
Was bedeutet es, innerlich gekündigt zu haben?
Innerlich gekündigt hat, wer gedanklich schon woanders ist, aber noch im Job bleibt. Laut Gallup Engagement Index 2025 spüren 13 % der Beschäftigten in Deutschland keine emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Das ist kein Charakterfehler, sondern ein Signal, dass etwas nicht mehr passt.
Was hilft, wenn ich mich beruflich festgefahren fühle?
Zuerst nicht die große Entscheidung, sondern Entlastung. Unter starkem Druck wird der Blick eng. Wenn der Druck sinkt, reicht oft ein einziger kleiner Schritt, um wieder in Bewegung zu kommen.
Ist der Selbsttest ein psychologischer Test?
Nein. Der Selbsttest „Wo stehst du gerade?“ ist eine Momentaufnahme und keine Diagnostik. Er hilft dir, deine aktuelle Reaktion auf Druck einzuordnen. Bei anhaltender Erschöpfung oder gesundheitlichen Beschwerden ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung der richtige Weg.
Fachliche Bezüge und Quellen
Dieser Text ist unter anderem inspiriert durch:
Hotel Matze: Verhandlungsexperte Matthias Schranner – Was ist die Kunst des Verhandelns? – Podcast mit Matze Hielscher. Impuls für den Gedanken vom Kompromiss- zum Konfliktzeitalter, hier sinngemäß wiedergegeben.
Walter B. Cannon: Bodily Changes in Pain, Hunger, Fear and Rage. Appleton, 1915. Grundlage für das Konzept „fight or flight“, die körperliche Kampf-oder-Flucht-Reaktion auf Bedrohung.
H. Stefan Bracha: Freeze, flight, fight, fright, faint. Adaptationist perspectives on the acute stress response spectrum. CNS Spectrums, 2004. Überblick darüber, wie die Forschung das Modell um das Erstarren und weitere Reaktionen erweitert hat.
Gunther Schmidt: Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Carl-Auer. Bezugspunkt für die Sprache der inneren Anteile und für die Frage, aus welchem Zustand heraus wir wahrnehmen und entscheiden.
Rustad, Siri Aas (2026): Conflict Trends: A Global Overview, 1946–2025 – PRIO, auf Basis der Daten des Uppsala Conflict Data Program. Quelle für 65 aktive Konflikte in 35 Ländern 2025.
Gallup Engagement Index Deutschland 2025 – Befragung 17.11. bis 20.12.2025. Quelle für emotionale Bindung und Stresserleben.
Arbeitsplatzsorgen auf höchstem Stand seit der Finanzkrise – WirtschaftsWoche/dpa, 1.1.2026, zur EY-Befragung von gut 1.000 Menschen in Deutschland Ende 2025.
pronova BKK: Studie „Arbeiten 2025“ – 1.230 Beschäftigte, online befragt im September und Oktober 2025. Quelle für Quiet Cracking.
pronova BKK: Whitepaper KI im Arbeitsalltag – aus derselben Befragung. Quelle für die Sorge, durch KI ersetzt zu werden.
DAK-Psychreport 2026 – Krankschreibungsdaten von rund 2,4 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten für 2025. Zeigt Fehlzeiten, nicht deren Ursachen.

